24. Februar 2026 um 17:58

Vesperkirche in Friedrichshafen

Am 22.03. wurde die Vesperkirche in der Arche St. Columban eröffnet – 330 Essen wurden am ersten Tag ausgegeben, außerdem wurden die beiden Kunstausstellungen in der Kirche eröffnet. Folgend findet Ihr die Predigt von Pastoralreferent Philip Heger:

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wir haben das Evangelium vom ersten Fastensonntag gehört, es ist neben dem Evangelium über das Fasten, Almosengeben und Beten, eigentlich der Text schlechthin, der uns in diese 40 Tage hineinführt. Dabei sind beide Texte aber nicht nur etwas für diese spezielle besinnliche Zeit auf Ostern hin. Sie gelten eigentlich immer, so auch dieser heutige Text und er spricht mich in diesem Jahr besonders an.

Womit ernähren uns? fragt uns die erste Szene der Versuchungserzählung und die Frage geht tiefer, als, wie gesund wir essen, wie viele Kalorien, Proteine und Süßigkeiten wir zu uns nehmen. Nähmen wir Jesus aber beim Wort, bräuchten wir die Küche gleich gar nicht öffnen, sondern müssten doch mit dem Gottesdienst eigentlich schon satt und zufrieden sein und nach Hause gehen können.

Schauen wir aber auf die alle drei einfachen Versprechungen des Widersachers Gottes, des Durcheinanderbringers, die tönen auch in diesen Tagen besonders laut, freilich mit anderen Worten, aber dafür in Dauerschleife alltäglich sozusagen. Die verführerischen Stimmen treten nicht erst in Wüstenzeiten, in der Zurückgezogenheit auf: Sie umgeben uns täglich, werden uns zur Nahrung, womit wir unseren Geist und unsere Seele füttern, können so zum täglichen Brot werden.

Wir sind vermutlich alle, mehr oder weniger, je nachdem wie viel Zeit man am Fernseher oder Handy verbringt, geflutet von oft negativen Nachrichten, Meldungen aus aller Welt aber auch den Deutungen und Parolen. Wir leben in Zeiten, in denen wir wieder live erleben müssen, wohin populistische Phrasen führen, wie schnell aus Worten Gewalt und System wird, wie schnell mühsam erkämpfte und erlittene Konventionen und Rechte wieder über Bord geworfen werden – haben wir wirklich nichts gelernt? Die Masken fallen, das ist das Gute daran, wenn auch für viele schon mit schwerwiegenden Konsequenzen. Es zeigt sich gerade, ob der Kampf für das Leben nur für den Anfang und das Ende gilt oder auch für das dazwischen, es zeigt sich was die Alternative bedeuten kann, wenn man sie wählt, und es zeigt sich, dass man doch nicht so viel aus den Migranten und Armen rausquetschen kann, wie man im Wahlkampf versprochen hat. Mich hat ein Brief eines amerikanischen Bischofs im Januar fasziniert, wo er seine Pastoren und Mitarbeiter auffordert für das Martyrium bereit zu sein, die Testamente und den Nachlass zu regeln, bereit zu sein für christliche Werte das Leben hinzugeben, sich einzusetzen für die Würde eines jeden Menschen und für Liebe zum Nächsten konsequent durchzubuchstabieren, der Nächste ist eben nicht zuerst die Familie, der Best-Buddy, nicht der Parteikollege, sondern die armen, ausgegrenzten, geflüchteten, im Gefängnis sitzenden, die Kranken, aber auch der hasserfüllte Feind. Die Messlatte des Christentums liegt hoch, liebe Schwestern, liebe Brüder, und oft tanzen wir eher Limbo darunter, oft stehen wir uns selber im Weg, mit unseren Vorurteilen, mit eigenem Streben oder Selbstverliebtheit und ich nehm mich da gar nicht aus.

Die Masken fallen, nicht nur nach der Fasned, das kann Jesus aber besonders gut im Evangelium: den Versucher entlarven. Ich würde mir wünschen, ich und wir alle würden darin wachsen, in der Unterscheidung, dessen was die Seele nährt, was zu mehr Tiefe und darin aber nicht Enge sondern Weite, was zu mehr Liebe, Frieden und Gerechtigkeit führt, wie wir die Gräben untereinander überwinden könnten, und dann natürlich auch die Widerstandskraft für das rechte Wort und den Mut zur Tat. Vielleicht muss man dafür im Kleinen, im Alltag beginnen, jetzt in der Fastenzeit, heute!

 

Womit nähren wir uns? Wie beginnen wir unseren Tag? Was ist Junk oder Fast-Food für unsere Seele? Welche Beziehungen sind mir wichtig und wie nähre ich sie, und wie schaffe ich es über meinen eigenen Tellerrand zu blicken? Und wie gehe ich mit alltäglichen Konflikten um? Was wären wirkliche Alternativen, wie könnte ich in die Weite kommen, in meinem Alltag? Was könnte ich meinem Versucher und Durcheinanderbringer erwidern, wie könnte ich ihn entlarven?

 

Die Fastenzeit lädt uns ein, das Einzuüben, bewusster zu leben und diese Woche der Vesperkirche kann für uns ein Spezialtrainingsprogramm werden, wo wir die Umkehr, das Umdenken, das Jesus zu Beginn der Fastenzeit fordert, wo wir sensibel das Reich Gottes in unserem jetzt, hier und heute nahe ist. Im Trubel mag es manchmal wenig besinnlich sein, dafür lohnt sich vielleicht aber der Gang hinüber in die Kirche. Vielleicht schaffen wir es, diese Woche uns anders zu ernähren, nicht nur mit leckerem Essen, vielmehr mit dem, was neben der Nahrungsaufnahme passiert. Wer sitzt neben mir, steht vor/hinter in der Schlange, wer bedient mich da. Und wie gehe damit um, wenn ich mal nicht als erstes dran komm, oder nichts mehr vom Stückchen Kuchen bekomme, das mich angelacht hat. Wie erfahren wir Menschen anderer Konfession oder Religion? Ich lad sie, Euch ein, ganz bewusst in dieser Woche da zu sein, bewusst zu essen, bewusst die anderen wahrzunehmen, vielleicht mal mehr zuzuhören als selber zu reden – oder mal interessiert nachzufragen. Was nährt Dich täglich? Was beschäftigt Dich im Alltag? Vielleicht entdecken wir dabei neue Perspektiven.

 

Einen Text der französischen Mystikerin Madleine Delbrel wollen wir dazu noch am Ende hören und vielleicht mag er uns begleiten in der täglichen Frage, wer sitzt da eigentlich mit mir am Tisch? Wie kommt mein Alltag in die Tiefe?

Wir andern, wir Leute von der Straße,
sind ganz davon überzeugt, dass wir Gott so sehr lieben können,
als er Lust hat, von uns geliebt zu werden.
Wir halten die Liebe für eine nicht glanzvolle,
aber aufzehrende Angelegenheit,
wir denken, dass, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun,
wir ihn ebenso lieben wie mit großen Taten. (…)
Unsere Füße schreiten auf einer Straße,
aber unser Herz schlägt in der ganzen Welt. (…)
Dann wird das Leben ein Fest.
Jede kleine Unternehmung ist ein gewaltiges Ereignis,
in dem uns das Paradies geschenkt wird,
in dem wir selbst das Paradies verschenken können.
Egal, was wir zu tun haben:
ob wir einen Besen oder eine Füllfeder halten.
Reden oder schweigen, Strümpfe stopfen oder einen Vortrag halten,
einen Kranken pflegen oder auf einer Schreibmaschine hämmern.
All das ist nur die Rinde einer alltäglichen Realität,
der Begegnung der Seele mit Gott in jeder erneuerten Minute,
die an Gnade zunimmt, die immer schöner wird für Gott.
Es läutet? Schnell, aufgetan! Gott ist es, der uns lieben kommt.
Eine Auskunft? … Bitte … Es ist Gott, der uns lieben kommt.
Zeit, sich an den Tisch zu setzen?
Gehen wir: es ist Gott, der uns lieben kommt.
Lassen wir ihn gewähren.

 

 

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